Bier&Breze - Der Philoskonomie Finanzblog

Ziel dieses Blog ist es, Denkanstöße zu geben und Diskussionen zu provozieren. Meine Posts sind nicht wissenschaftlich belegt, in der Regel absolut subjektiv, einseitig und wertend. Aber genau damit möchte ich Ihnen einen Nadelstich versetzen, der Ihnen hoffentlich einen Kommentar abringt.

Bakschisch und Zigarre – denke heute schon an Morgen

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Letztens schaute ich an einem verregneten Tag mit meinen Kindern die guten alten Pippi-Langstrumpf Klassiker an. Plötzlich meinte ich, mich verhört zu haben. Ich musste den DVD-Player mehrfach zurückspulen um sicherzugehen, dass dem nicht so war. Es half aber alles nichts - Pippi sprach in ihrem Kinder Sing-Sang mehrfach vom Negerkönig im Taka-Tuka Land. Ich unterstelle Astrid Lindgren keinen Rassismus, sondern war über ein ganz anderes Phänomen erstaunt.

Darf der denn das?

Schaut man sich alte Columbo- oder Derrick Filme an, stellt man fest, dass es eine Zeit gab in der es eine Selbstverständlichkeit war, mit brennender Kippe oder sogar Zigarre in die Wohnung eines anderen hineinzumarschieren. Fragen? Fehlanzeige! Ich glaube nicht, dass man heutzutage als Polizist die Wohnung eines Zeugen selbstbewussten Schrittes mit brennendem Klimmstängel betreten kann. Schaut man sich Columbo an, so sieht dieser auch nicht besonders schuldbewusst aus. Ich nehme einmal an, Astrid Lindgren wollte mit Ihrer Königsbezeichnung auch niemanden kränken. Trotzdem kommen uns diese Dinge heute unmoralisch oder ungebührlich vor.

Die böse Bestechung

Heutzutage vergeht fast kein Tag, ohne das neue Bestechungsskandale ans Licht gezerrt werden. Erst im September rückte Adidas in den Fokus. In den USA sollen Schmiergelder an Universitäten geflossen sein. Bei dem Wort Bestechung stellen sich zumindest mir sofort die moralischen Nackenhaare auf. Ich denke vielen Lesern geht es ähnlich. Wir wollen als integer und unabhängig wahrgenommen werden und da passt Bestechlichkeit nicht recht ins Bild. Zumal ich mir bei dem Wort naiver Weise immer einen Klub mit dunklen Ledersesseln und Zigarre qualmenden alten Herren vorstelle. Man darf aber eines nicht vergessen. Bis Ende der 90er Jahre konnte jede Firma Bestechungsgelder unter dem nett formulierten Posten „Zuwendungen im Geschäftsverkehr“ als steuerliche Ausgabe geltend machen. Hier findet man noch einen Online-Artikel von Focus aus dem Jahr 1994 mit dem Titel „Bestechung lohnt sich“. Ich denke dieser spricht für sich.

Die Skala hat sich verschoben

Die oben geschilderten Beispiele haben eines gleich: Die handelnden Personen waren sich zu jener Zeit keiner Schuld bewusst. Die Aktionen waren damals durch die Gesellschaft und das moralische Gefüge gedeckt oder sogar gesetzlich legitimiert. Aber im Laufe der Jahre hat sich der moralische Bewertungsmaßstab, mit dem wir die Handlungen betrachten, verschoben. Plötzlich erscheinen uns Dinge als fremdartig oder unvorstellbar, obwohl sie vor 30 Jahren gelebte Praxis werden. Dies ist auch grundsätzlich in Ordnung. Man muss nur vorsichtig sein, wenn man für damals moralisch korrekte Handlungen Konsequenzen auf heutiger Basis einfordert. Im Wirtschaftsleben geschieht dies meines Erachtens sehr häufig. Es interessiert uns dann schlichtweg nicht mehr, was zu jener Zeit moralisch in Ordnung war und was nicht. Aus heutiger Sicht wäre es Verurteilens wert und basta.

Moral als Institution

Mittlerweile haben sich in vielen Firmen so genannte Compliance Abteilungen wie Geschwüre ausgebreitet. Im Glauben an die eigene Wichtigkeit und Wirtschaftlichkeit sind diese selbsternannten Wächter für Recht und Ordnung oftmals gespickt mit teuren Anwälten, abgehalfterten Ex-Richtern und sonstigen Wichtigtuern. Mit Hilfe dieser Streitmacht soll so der Organisation ein neuer (doppel-)moralischer Anstrich gegeben werden - getreu dem Motto, „ab heute sind wir clean“. Ich glaube große DAX Unternehmen und vor allem diejenigen, die in den USA entsprechende Verstöße hatten, können ein Lied davon singen. VW, Du bist nicht zu beneiden….

Digitalisierung als Verstärker

Ein Spieler sollte bei der Frage einer rückwirkenden Bewertung nicht zu vergessen werden - der technische Fortschritt in Form der Digitalisierung. Ich glaube nicht, dass die Plagiats-Pseudo-Doktoren zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Schavan und Co. beim Abschreiben oder der Beauftragung eines Ghost-Writers an die technische Möglichkeit einer schlichten Google-Suche gedacht haben. Für mich bedeutet dies, dass wir heute noch gar nicht wissen (können), welche Möglichkeiten die Computertechnik in 10 oder 20 Jahren mit sich bringt. Bereits heute zeichnet jedes moderne Fahrzeug alle möglichen Fahrdaten auf und sendet diese dank EU-Zwangs SIM-Karte munter fröhlich an die Auto-Hersteller. Wäre doch ein leichtes, Ihnen rückwirkend nachzuweisen, dass Sie in der 30er Zone 40 km/h gefahren sind. Man denke auch an alle möglichen Leaks, vor allem den Ankauf von Steuer CDs. Ich glaube man kann davon ausgehen, dass bereits heute die meisten Entscheidungen elektronische Spuren erzeugen, welche langfristig – ob bewusst oder nicht, ob zielgerichtet oder nicht – gespeichert und somit jederzeit neu auswertbar sind.

Windschutzscheibe und nicht Rückspiegel

Die geschilderten Beobachtungen, damalige Sachverhalte, mit heutigen Maßstäben zu be- und vor allem zu verurteilen, haben mich im Berufsleben vorsichtiger werden lassen. Unabhängig jeglicher Compliance Abteilungen stelle ich mir bei wichtigen Handlungen persönlich die Frage: „Wie wirst Du / wie werden andere in 10 oder 20 Jahren darüber denken“. Macht man dies oft genug, entwickelt sich eine Art automatisches Störgefühl, welches mich bereits vor so mancher Dummheit bewahrt hat. Eine Garantie ist dies freilich nicht. Vielleicht komme ich 20 Jahren in den Knast, weil dann schon immer klar war, dass die moralische Bewertung einer Handlung unmoralisch und gesetzeswidrig ist (und demnach auch schon vor 20 Jahren war!).

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