Die Zinsen steigen? Und wovon träumt Ihr nachts?

Es gibt ja den Begriff der Hausfrauenbörse oder Dienstmädchenhausse. Kurz gesagt ist damit gemeint, dass man seine Aktien lieber verkaufen sollte, wenn die Bild Zeitung über Geheimtipps schreibt oder der Typ an der Pommesbude über günstige Einstiegskurse schwadroniert. Am Zinsmarkt erleben wir gerade ein ähnliches Phänomen. Stell Dir vor, alle reden von der baldigen Zinswende der EZB und keiner geht hin?!

Heute hat die EZB ihr Tagung abgehalten und alle Welt wundert sich darüber, dass Mario Draghi nichts Konkretes über einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik erwähnt hat. Tut mir leid, warum hätte er das auch tun sollen - es gibt keinen Kurswechsel! Bereits Ende 2016, als viele an einen schnellen Zinsanstieg aufgrund der Neuverschuldung durch Twitter-König Trump glaubten, konnte ich die Euphorie schon nicht verstehen (siehe Artikel: Kommt die Zinswende? Keine Angst, ist nur eine 360 Grad Kurve!). Nun ist wieder das gleich, nur noch eine Oktave höher. In diversen Fernsehsendungen wird dann von selbsternannten Experten über Zinserhöhungen gesprochen. Man gewinnt den Eindruck, sie haben schon mit ihrem Kumpel Mario telefoniert und sich die letzten Insiderinfos geben lassen. Bei der ARD z.B. hieß es dann „es ist nicht die Frage ob, sondern wann und wie hoch die Zinsen zurückkehren“. Gemischt wurde dann das ganze mit panischen Jungeltern, welche die niedrigen Zinsen unbedingt noch nutzen müssen, um ein Reihenhäuschen, egal zu welchem Preis. zu erwerben. Hausfrauenbörse eben...

Wenn alle glauben es passiert, dann passiert es in der Regel nicht!

Ich gebe Ihnen auch ein paar Gründe, warum ich mittelfristig keine Änderung der Zinspolitik sehe:

  1. Trotz einer soliden Wirtschaftsleistung in 2017 ist die Kerninflation (ohne Berücksichtigung von Energiepreisen) nach wie vor extrem niedrig.
  2. Der starke EURO-Kurs führt dazu, dass wir Waren billiger importieren können und führt somit wieder zu einer verringerten Inflation
  3. Die Wirtschaftszahlen der USA zeigen, dass es sich nicht nur um eine temporäre Schwäche handelt. Die Schäden der Wirbelstürme tragen ihr übriges bei. Die Zinsanhebungsszenarien in den USA sind wackeliger denn je.
  4. Die EZB hat ihr Vertrauen als unabhängige Institution verspielt. Nur weil wir Deutschen uns höhere Zinsen wünschen, heißt das nicht, dass die hoch verschuldeten Euro-Krisenländer dies auch möchten. Jedes 0,01% Zinsanstieg bedeutet für diese Länder Milliarden an zusätzlichen Zinsaufwand

Was meint eigentlich Änderung der Zinspolitik?

Mittlerweile jammern sogar die Europäischen Peripheriestaaten über den negativen Einlagezinssatz (-0,40%) bei der EZB. Das war bis vor einem Jahr ausschließlich ein Problem der Nordeuropäischen Länder. Denn schließlich haben nur die das Geld gehortet, wohingegen Italienische oder Spanische Banken ganz andere Probleme hatten (und haben). Dies bedeutet, dass das eigentliche Ziel, Banken zur Kreditvergabe zu zwingen, europaweit nicht mehr funktioniert. Um die Banken zu entlasten, kann die EZB kurz- oder mittelfristig den negativen Einlagezins Richtung 0% anheben. Dies ist aber KEINE Zinswende, sondern eine Korrektur innerhalb der aktuellen Politik! Weiterhin muss man betrachten, dass das heutige Anleihe-Kaufprogramm der EZB umgerechnet einem EZB-Zinssatz von ca. -5% entspricht. Da ist ein Zinsschritt von +0,25% nun wirklich nicht tragisch und relevant.

Im Rahmen des Anleihe Kaufprogramms hat die EZB bereits von allen DAX Unternehmen Wertpapiere in einer Größenordnung von etlichen Milliarden gekauft und verzerrt durch diese Zinssubvention für wenige Unternehmen bereits heute massiv den Wettbewerb. Wenn die EZB beschließen sollte, dass Kaufprogramm zu reduzieren oder einzustellen muss man auch hier genau die Gründe analysieren. Einer ist nämlich, dass es langsam keine zugelassenen Schuldverschreibungen mehr am Markt gibt!

Aus meiner Sicht gibt es aktuell noch keinen Grund, hyperventilierend von einer Zinswende zu sprechen!

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Dienstag, 17. Oktober 2017

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