Donald Trump und der neue Protektionismus – Wollen wir wirklich nackt auf kahle Wände starren?

Es gab eine Zeit, in der Globalisierung als Fortschritt gepriesen wurde. Die Sitzblockaden und windigen Pappschilder der rauschebärtigen Internationalisierungs-Gegner wurden selbstgefällig belächelt. Einer von diesen Demonstranten scheint aber seinen Schlabberpulli in einen Nadelstreifenanzug getauscht zu haben und proklamiert jetzt die neue Devise: „China ist böse und Amerika first!“ Der Kern dieser Idee gefällt auch einigen deutschen Politikern. Allerdings kann uns diese naive Sichtweise teuer zu stehen kommen!

Die glänzende Seite der Globalisierungs-Medaille

Geht man in der Geschichte einmal zurück, wurden um Salz, Pfeffer, Chili und andere exotische Gewürze erbitterte Kriege geführt. Im Zuge der „Aufteilung der Welt“ gab es bereits so etwas wie eine erste Globalisierung. England z.B. unterhielt einen regen Handel mit allen Staaten seines Commonwealth. In Deutschland wurden viele der importierten Produkte in den sog. Kolonialwarenläden feilgeboten. Deren Überbleibsel finden wir bis heute: z.B. Edeka (= Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler [E-d-K]). Wenn ich heute durch den Supermarkt hetze und die mir vom Haushaltsvorstand übertragene Einkaufsliste stupide abarbeite, weiß ich eigentlich gar nicht mehr, was ich noch als exotisch bezeichnen sollte – von dem mit undefinierbaren Bildern bedruckten russischen und türkischen Büchsenzeugs einmal abgesehen. die globalisierung medailleFrische Erdbeeren und Spargel im Dezember? Kein Problem! Eine scharfe Salsiccia aus Italien? Liegt gleich neben dem heimischen Schwarzwälder Schinken. Es ist zur absoluten Normalität geworden, Produkte aus aller Welt jederzeit und überall zur Verfügung zu haben. Vor kurzem erklärte ich meinem Freund Falko, dass er seine olle 6 Jahre alte Mini 42-Zoll-LCD Flimmerkiste gegen einen neuen 62 Zoll 3D-4K-UHD OLED Fernseher austauschen müsse. Denn die neue Hightech-Ware kostet doch schließlich fast nix mehr. Man erinnere sich einmal, wieviel Monatslöhne für einen in Deutschland produzierten Fernseher in den 60-ger oder 70-ger Jahren hinzublättern waren. Ich könnte die Kette endlos weiter führen: Sportwagen aus Italien, Kameras aus Japan, Notebooks und Handys aus Südkorea, Apple aus den USA. Streichen Sie doch einmal gedanklich alle Produkte aus Ihrer Wohnung, die nicht aus Deutschland stammen - jaja, nix mehr Ikea Küche, Waschmaschine, Fernseher, Sofa oder Lampe. Viel Spaß in der kahlen Bude. Ach so, Sie sitzen übrigens nackt auf dem Fußboden. Sie wissen schon, Importtextilien aus der Türkei, China, Vietnam oder Bangladesch.

Das Leben um uns herum ist eine Errungenschaft der Globalisierung. Da man für den Erwerb der Importprodukte aber in keinen Kolonialwarenladen mehr gehen muss und sie überall verfügbar sind, ist deren Existenz für uns leider völlig normal geworden.

Upps, die Medaille hat ja noch eine Seite

Wie hat schon Milton Friedman immer wieder betont: „There ain't no such thing as a free lunch”. Wortwörtlich übersetzt bedeutet dies soviel wie: “Es gibt keine ganzjährigen Südfrüchte und billigen Fernseher, ohne dass wir nicht auch etwas dafür tun müssen.“ Konkret meint dies, dass Globalisierung keine „ich such mir mal das beste heraus“-Einbahnstraße ist. Denn wenn wir als Deutsche Kunden billige Fernseher aus Südkorea kaufen möchten, bleiben die einheimischen Modelle zwangsläufig im Laden liegen – siehe LOEWE oder Blaupunkt. Mittels Globalisierung öffnet ein Land zwangsläufig seine Pforten und tritt mit dieser Transparenz automatisch in Konkurrenz zu anderen „Spiel“-Teilnehmern. Es geht hierbei auch nicht um einzelne Firmen, sondern vielmehr um die Wirtschaftsstruktur des gesamten Landes. Dies umfasst dann auch ökonomischen Faktoren wie Infrastruktur, Rechtssicherheit, Steuern, Verfügbarkeit von (passend qualifizierten) Arbeitnehmern, Finanzierung (siehe hierzu auch Artikel Deutschlands Banken – too small to succeed!) usw. Ab hier wird es dann halt schmerzhaft. Sollte ein Land in Bezug auf die genannten Faktoren signifikant ineffizient sein, schlägt die Globalisierung erbarmungslos zu und sortiert das Land aus. Und genau dies ist der oft verspürte Druck, der vielen Menschen Angst bereitet.

Es wird kuschelig eng

In den letzten Dekaden war es geradezu schick, global zu denken. Dienstleistungen, Kapital und Waren fließen ohne unterlass um den ganzen Globus. Solange die Weltwirtschaft ausreichend wuchs, fielen die Ineffizienzen einzelner Länder nicht direkt auf. Denn der Kuchen insgesamt wurde größer. Blieb ein Land durch Ineffizienz „stehen“, verkleinerte sich zwar der relative Marktanteil, was aber auf das Land absolut betrachtet erst einmal keinen Einfluss hatte. Nun hat sich aber die Situation umgekehrt. Der Markt schrumpft bzw. wächst das Angebot anderer Länder viel stärker als die weltweite Nachfrage. Beispiel Automobile: Im Grunde, d.h. rein technisch betrachtet, ist ein Automobil ein austauschbares Gut. Alle Fahrzeuge fahren mehr oder weniger bequem von A nach B. Fast jedes große Land dieser Welt hat eine eigene Automobilindustrie – bietet also ein vergleichbares Produkt an. Nun erdreistet sich der Chinese, auch Autos bauen und diese unverfrorenerweise womöglich auch noch zu exportieren zu wollen. Ergebnis? Das Angebot wächst stärker als die Nachfrage, Preise fallen, einheimische Anbieter geraten unter Druck, Arbeitsplätze sind in Gefahr usw. usw. Dieses Szenario kann man aktuell für beliebige Produkte durchspielen, das Ergebnis bleibt identisch bzw. der Druck sehr hoch. Der schrumpfende Markt oder das überproportional wachsende Angebot anderer Länder führt dazu, dass es zwischen den Beteiligten immer „enger“ zugeht. Stellen wir uns doch die Globalisierung einmal als Justin Biber Konzert vor. (ja ich weiß, schlechtes Beispiel). Es drängen immer mehr Menschen auf den begrenzen Konzertplatz. Andere Menschen rücken uns auf die Pelle und unser Persönlichkeitsbereich wird verletzt. Vielleicht fühlen wir uns sogar bedroht. Wie reagieren wir instinktiv? Genau, wir fahren die Ellenbogen aus, um unseren Wohlfühlbereich zu erhalten oder wieder herzustellen. Da Politik letztlich auch nur auf menschlichem Handeln beruht, findet in Bezug auf die Globalisierung genau der gleiche Impuls statt. Die Länder die sich bedroht fühlen fangen an, eine Mauer um sich herum zu errichten. Die Hoffnung ist dabei, dem stetig wachsenden äußeren Druck zu entkommen. Eine solche Barriere kann wirtschaftlich aus vielen Materialien bestehen: Zölle, Importbeschränkungen, veränderte technische Normen, Zulassungsprüfungen und Beschränkungen usw. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Alle diese Maßnahmen haben aber gemeinsam, die Barriere für den Markteintritt eines Drittlandprodukts zu erschweren.

Eins für mich, keins für Dich!

Auf den ersten Blick mag der Bau einer solchen Mauer logisch erscheinen. Da klingt es fast schon plausibel, wenn Neu-Präsident Trump sinngemäß verkündet: Nur der eigene Vorteil zählt„China ist böse, weil es die Welt mit billigem Zeug überflutet und damit Millionen einheimischer Arbeitsplätze zerstört. Diese holen wir uns nun zurück, indem wir den Import erschweren“ Das gleiche gilt für Öl. Hier möchte Trump lieber heimischen Boden mit Fracking verseuchen, als das schwarze Gold weiter von den Saudis importieren zu müssen. Diese Stammtischpolemik ist eine Milchmädchenrechnung (sorry an dieser Stelle an alle Bäuerinnen):

1. Die Entwicklung der Globalisierung war ja kein Selbstzweck. Niemand hat Maschinen aus Deutschland gekauft, nur weil die Schwaben so gut aussehen. Niemand kauft eine Maracuja, nur weil er Vietnam so toll findet. Wir haben uns im Laufe der Jahre dafür entschieden, die besten Produkte für den uns passend erscheinenden Preis zu kaufen. Warum bitte sollte jemand einen Lada fahren, wenn er für das gleiche Geld einen Peugeot oder kleinen VW bekommt? Warum soll jemand auf schicke Mode verzichten, nur weil sein Land keine Designer hat? Warum soll jemand auf einem 9-Tasten Nokia eine SMS schreiben, wenn er ein Smartphone mit intuitiver Bedienoberfläche aus den USA kaufen kann.

2. Es ist doch naiv zu glauben, dass ein einzelnes Land „cherry-picking“ betreiben kann: „Billige Autos aus China will ich nicht. Denn die zerstören meine Industrie und damit Arbeitsplätze. Aber billige Klamotten aus China sind cool, die will ich.“ Die anderen Länder werden es sich nicht gefallen lassen, dass Ihre Produkte mit Zöllen versehen werden und sie wiederum alle Produkte der USA ohne Hemmnisse importieren sollen. Es entsteht der Klassiker der Spieletheorie: Das Gefangenendilemma (siehe auch hier). Schlussendlich werden alle Länder Ihre Handelsbarrieren erhöhen. Siehe dazu auch Nash-Gleichgewicht.

3. Wenn die Welt wieder in Kleinstaaterei zerfallen ist, wird sich herausstellen, dass die meisten Produkte nur noch zu exorbitanten Kosten oder schlichtweg gar nicht mehr produziert werden können. Ich zum Beispiel stelle mir den Reisanbau in Deutschland etwas mühselig vor. Es wird also bei vielen Produkten, deren Erwerb für uns heute selbstverständlich ist, zu steigenden Preisen kommen. Im Extremfall werden Schwarzmärkte entstehen. Wir alle werden auf Vieles verzichten müssen. Vielfalt wird es in der heutigen Form nicht mehr geben, von Individualisierung ganz zu schweigen. Den Preis des Protektionismus wird die arme Bevölkerung zahlen! Denn bestimmte Produkte sind nun einmal lebensnotwendig. Preissteigerungen schlagen für diese Bevölkerungsschicht vollständig durch. Für Luxus wird nichts mehr übrig bleiben. Der reiche Teil der Bevölkerung verringert seine Sparquote, muss dann halt mehr ausgeben, lebt im besten Falle aber wie vorher auch. Beispiel gefällig? Nordkorea. Wie lebt die die Bevölkerung in diesem voll abgeschotteten Land und wie lebt sein Despot Kim Jong-un?

4. Neben Waren und Dienstleistungen definiert sich die Globalisierung auch durch die Freiheit des Kapitalverkehrs. Wenn die Deutsche Firma Bayer meint, das Amerikanische Unternehmen Monsanto passt in die zukünftige Strategie, dann ist die Akquise trotz eines dazwischen liegenden Ozeans kein Problem. Anders herum gibt es sehr viel ausländisches Geld, welches in deutsche Firmen investiert wurde. Ohne diese Investments gäbe es einige „Typisch-Deutsche“ Firmen vielleicht gar nicht mehr. Ich denke da an die noch nicht ganz so lang zurückliegende Krisenzeit bei Daimler.

5. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Im Zuge der Internationalisierung werden ja nicht nur Waren, Dienstleistungen und Kapital gehandelt. Heutzutage besteht mit dem Internet ein globales (globalisiertes) Datennetzwerk. So kann ein Smartphone Besitzer in Ulan-Bator ein ultrasüßes Katzenvideo aus Michigan anschauen. In der letzten Ausbaustufe des Protektionismus wird es auch hier eine lokale Abschottung geben. Nicht möglich? China macht es seit Jahren vor! Zusätzlich muss man sich bewusst sein, dass wir zwar immer glauben, dass Internet sei dezentral, die Realität aber so aussieht, dass die weltweiten Datenströme am Ende des Tages über eine Handvoll Kabelstationen geroutet werden. Spätestens jetzt sollte klar werden, was Protektionismus für unser tägliches Leben bedeutet.

Fazit:

Im Zuge von Globalisierung und Internationalisierung gibt es aus meiner Sicht nur zwei konträre Entscheidungen. Entweder man ist dabei. Dann darf, kann und sollte man alle Vorzüge des Systems nutzen, muss sich aber auch einer weltweiten Konkurrenz stellen. Oder man lehnt das System ab. Dann muss man sich aber bewusst sein, dass der Lebensstandard weit unter dem Heutigen liegen wird. Aber eigene Produkte weltweit verkaufen, dafür aber Importe verhindern wollen ist weder fair noch durchsetzbar. Von daher sollte die USA, aber auch Deutschland, die aktuelle Jammer-Energie nicht dafür verschwenden, dass wir alle eines Tages nackt im kahlen Zimmer sitzen. Vielmehr sollten wir diesen Impuls zur Steigerung der Effizienz unserer Wirtschaftsfaktoren nutzen.

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Kommentare 1

Gäste - Dominik am Samstag, 19. November 2016 14:42
Protektionismus

Vielen dank für Deine großartigen und tiefsinnigen Beiträge. Du sprichst mir direkt aus der Seele. Leider sehen wir in der Politik immer wieder, dass der am lautesten schreiende Idiot mit solchen populistischen Aussagen gewinnt, obwohl er damit dem eigenen Land mehr schadet als er nützt. Unser großartiger Wohlstand wäre durch Protektionismus und das bevorzugen nationaler Produkt niemals möglich gewesen.

Schöne Grüße Dominik

Vielen dank für Deine großartigen und tiefsinnigen Beiträge. Du sprichst mir direkt aus der Seele. Leider sehen wir in der Politik immer wieder, dass der am lautesten schreiende Idiot mit solchen populistischen Aussagen gewinnt, obwohl er damit dem eigenen Land mehr schadet als er nützt. Unser großartiger Wohlstand wäre durch Protektionismus und das bevorzugen nationaler Produkt niemals möglich gewesen. Schöne Grüße Dominik
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