Eiche oder Buche? Wurscht, der Blitz schlägt immer im größten Baum ein!

Eiche oder Buche? Wurscht, der Blitz schlägt immer im größten Baum ein!

Würden Sie jemandem Ihr Vermögen anvertrauen, der gelernter Maurerlehrling ist oder den es verwundert, wenn nach 10 Jahren Wände neu gestrichen werden? Nein? Lesen Sie hier, warum Sie es vielleicht schon getan haben und warum wir immer wieder auf selbsternannte Finanzgurus hereinfallen.

Es gibt einen Zeitschriftenartikel der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Im August 2002 veröffentlichte DER SPIEGEL einen mehrseitigen Artikel über einen Menschen, den es befremdete, dass bei seinem Lieblingsgriechen „Insel Kreta“ nach zehn Jahren die Wände neu gestrichen wurden. Gleichzeitig freute er sich am Tagesende, dass ER den Markt „im Griff hatte“. Der Protagonist dieses Artikels war der damals 33-jährige Dirk Müller, der durch sein indexstandadäquates Posing als eine Art Naomi Campbell des Frankfurter Börsensaals Bekanntheit als selbsternannter „Mr. Dax“ erlangte. Was ihn dabei als heutigen Fondsmanager qualifiziert?! Gute Frage, ich weiß es nicht. Dies ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum es aktuell viele Diskussionen um die Performance der von diversen „Börsengurus“ aufgelegten Investmentfonds gibt. Aber ich möchte nicht nur auf Dirk Müller herumhacken. Letztlich versucht er mit diversen Büchern, Vorträgen, Fonds und anderen Devotionalien den vollen Saft aus seinem (Marken)namen herauszuquetschen – fair enough!

Die selbsternannten GurusAußerdem gibt es noch wesentlich üblere Gesellen. Denn selbst honorige und durch Ihre Anwälte und Berater stets vermeintlich gut unterwiesene Unternehmerpersönlichkeiten haben Millionen und Abermillionen einem gewissen Josef Esch, seines Zeichen gelernter Maurerlehrling, vermacht. Das dieses Vertrauen sogar die damalige vor elitärem Selbstverständnis triefende Privatbank Sal. Oppenheim in die Arme der Deutschen Bank trieb ist schon nahezu einmalig. Die aktuellen Klagen der geprellten Anleger gegen die damalige Privatbank und Josef Esch belegen, dass nach dem rauschenden Champagnerfest nun doch ein ganz ordentlicher Kater folgt. Auch zeigt mir dies, dass nicht nur die vermeintlich unerfahrenen Privatanleger ihre Altersrücklagen in den Wölbern-Invests, Göttinger Gruppen und S&Ks dieser Welt versenkt haben.

Im Nachhinein sind alle schlauer. „Wie konnte ich nur“ heißt es dann. Ich möchte versuchen ein paar Gründe für unser Verhalten zu finden:

Die Juke-Box in unserem Gehirn

Auch wenn wir uns alle als selbstbestimmte Wesen betrachten, gibt es einfach festgelegte Abläufe und Reaktionen in unserem Gehirn. Vor 1-Million Jahre war es einfach schmerzfreier, sofort wegzulaufen, wenn der Tiger vor einem stand und nicht erst den Prozess „Analyse meines Gegenübers“ zu durchlaufen. Diese festgelegten Routinen - ich bezeichne sie mal als Schallplatten - bilden die Musiksammlung der Juke-Box in unserem Gehirn. Jeder Mensch trägt diese Juke-Box mit sich herum. Wirft nun jemand 50-Cent ein und drückt auf die entsprechende Song-Taste, fangen wir an zu tanzen – ob wir wollen oder nicht.Selber nachdenken Die Songs heißen dann z.B. Angst, Euphorie oder Trauer. Nicht ganz umsonst heißt es ja auch: "Gier frisst Hirn!". Trifft man auf einen guten DJ, dann weiß dieser genau welche Songs er bei uns hintereinander abspielen muss, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Denn nichts treibt Sie schneller in die Arme eines vermeintlichen Profis, wenn der Ihnen vorher noch einmal gehörig Angst über den Verlust Ihrer sauer verdienten Eurönchen gemacht hat. Das Problem in der Praxis ist, dass Sie es häufig gar nicht merken, wenn bei Ihnen jemand auf „Play“ gedrückt hat. Wäre ja auch blöd, vor dem Tiger zu stehen, weglaufen zu wollen, um dann doch anzuhalten und sich zu fragen: „warum laufe ich jetzt eigenl….“ – zu spät, gefressen. Aus meiner Sicht ist die einzige Lösung, den Song abspielen zu lassen und danach wieder auf manuellen Denkbetrieb umzuschalten – sprich die restlichen 5% unseres Gehirns optimal zu nutzen. Zeit ist hier also eine wirklich wichtige und kritische Größe.

Blitzeinschlag in die höchsten Bäume

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tabuisierung von Finanzangelegenheiten, vor allem in Deutschland. Manchmal habe ich den Eindruck, Leute unterhalten sich eher über ihre Lieblings-Kamasutrastellung als über die Frage, wie sie 1.000 EUR richtig anlegen. Dies führt bei dem gewillten aber evtl. unkundigen Investor dazu, dass er oftmals nicht weiß, wohin er sich wenden kann. Als ich im Ausland war und anhand der mir unleserlichen Hieroglyphen nicht identifizieren konnte, was die dort heimischen Brauer ihrem als Bier bezeichneten Getränk beimischten (denn das Deutsche Reinheitsgebot gilt nun mal nur in Deutschland) griff ich auf die mir bekannte Marke eines Bier-Weltkonzerns zurück. Ich kann also gar nicht sagen, ob die „kleineren Bäume“ gut oder vielleicht sogar besser geschmeckt hätten, als der „große Baum“, bei dem mein Vertrauensblitz nun einmal als erstes einschlug. Wenn sich in uns ein Entscheidungsdruck aufbaut, analog der Spannung/Ladung in einer Gewitterwolke, tendieren wir oftmals mangels Alternativen dazu, in den uns am nächstliegenden Punkt einzuschlagen. Dies ist auch die Erklärung, warum wir auf Freunde oder vermeintlich bekannte Namen und Gesichter reagieren und unser Geld lieber dort anlegen. Wir haben schlichtweg mehr Vertrauen in diese Personen. Allerdings geht unser Vertrauen sogar über den Personenbezug hinaus. Nehmen wir z.B. Sprache. Ich glaube sehr viele Menschen lassen sich von einem Schwyzerdütsch dahingesäuselten „BD-Swiss“ oder „Kommen Sie zur kostenlosen Beratung des Vermögenszentrums“ einlullen. Ein Marketingfuzzi würde sagen: „Der Schweizer Dialekt ist positiv aufgeladen“. Für alle Normalos: Im Allgemeinen verbinden wir mit dem Schweizer-Dialekt vertrauensvolle Begriffe wie Diskretion, Professionalität im Umgang mit Geld usw.

Fazit

So simpel es klingt: Hinterfragen Sie immer ob jemand vielleicht gerade einen Song auf Ihrer Juke-Box angeschmissen hat und ob der Blitzeinschlag in den nächst höchsten Baum wirklich die sinnvollste Entscheidung ist. Denn dann kommen Sie möglicherweise zum Schluss, dass Sie sich vom Maurergesellen lieber ein Haus bauen lassen, als ihm Ihr hart verdientes Geld anzuVERTRAUEN.

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Kommentare 2

Gäste - DerMitleser am Dienstag, 01. November 2016 10:04

Ein (Marken-)Bier im Ausland hat nicht zwangsläufig den gleichen Inhalt wie das Bier selbiger Marke in Deutschland. Glauben Sie nicht? Probieren Sie mal ein (in Deutschland gekauftes) köstliches Bier der Marke "Tyskie". Und anschließend verkosten Sie ein Bier derselben Marke in Polen - Sie werden überrascht sein, wie unterschiedlich die Biere schmecken!

Ob das allerdings auch für ein "Warsteiner", "Licher" oder "Henninger" im Ausland gilt, weiß ich nicht.

Ein (Marken-)Bier im Ausland hat nicht zwangsläufig den gleichen Inhalt wie das Bier selbiger Marke in Deutschland. Glauben Sie nicht? Probieren Sie mal ein (in Deutschland gekauftes) köstliches Bier der Marke "Tyskie". Und anschließend verkosten Sie ein Bier derselben Marke in Polen - Sie werden überrascht sein, wie unterschiedlich die Biere schmecken! Ob das allerdings auch für ein "Warsteiner", "Licher" oder "Henninger" im Ausland gilt, weiß ich nicht.
Atexo am Mittwoch, 02. November 2016 09:27

Ich persönlich trinke lieber Helles als Pils, ansonsten schließe ich mich Ihrer Meinung an: Denn mal Prost!

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