Ich bin steinreich! Sind Sie es auch?

Ich bin steinreich! Sind Sie es auch?

Steinreich? Ich höre Sie schon rufen: „Angeber, Snob, Aufschneider….“. Jajaja, lesen Sie doch erst einmal weiter. Dann zeige ich Ihnen, dass ich nicht der erste Steinreiche bin und warum Sie vielleicht einmal Ihren Terrassenboden untersuchen sollten...

Im Regelfall denken wir heute bei der Verwendung von Geld nicht tiefer über dessen Eigenschaften und Bedeutung nach. Grundsätzlich gut so! Denn dies ist ein Zeichen dafür, dass wir alle diesem kleinen Papierschnipseln und Blechgroschen vertrauen. Welche Überlegungen wir anstellen könnten, wenn dies nicht mehr so wäre, habe ich im Post Würden Sie den Scheck eines gewissen "M. Draghi" akzeptieren? aufgezeigt.

Aber worauf beruht eigentlich unser Vertrauen auf Geld?

Gehen wir in der Zeit etwas zurück. Als es das bequeme Tauschmittel Geld noch nicht gab, wurden jahrhundertelang Naturalien getauscht. Vielleicht gab es für eine Ziege zwei Säcke Mehl oder umgekehrt. Letztlich haben Menschen einem Produkt oder einer Dienstleistung schon immer einen inneren Nutzwert zugewiesen. Dieser zugedachte Wert erlaubte Tauschgeschäfte, sofern das Gegenüber den identischen Wert in dem angebotenen Gegenstand sah. Schon damals schwanke aber die Menge oder Anzahl des Tauschgegenstandes in Bezug auf seinen Wert. Ja, selbst Inflation – ein Wort, welches uns Deutschen per genetischer Vorprogrammierung den Angstschweiß ins Gesicht treibt, obwohl nur ganz wenige sie jemals erlebt haben – konnte in der Tauschwirtschaft entstehen. Wenn die Getreideernte z.B. überdurchschnittlich gut ausfiel, dann waren schlichtweg mehr Mehlsäcke auf dem Tauschmarkt. Die Getreidebauern konnten anfänglich so mehr Tauschgegenstände erwerben. Dies merkten aber die potenziellen Tauschpartner auch. Mehl und das daraus gebackene Brot war auf einmal keine Mangelware mehr. Der zugedachte Wert für einen Sack Mehl verringerte sich daher. Folglich musste man vielleicht drei Jutesäcke voller Mehl gegen ein kleines unschuldiges Zicklein eintauschen.

Der Tauschhandel hat natürlich viele Nachteile. Daher suchten Menschen schon immer nach entsprechenden Alternativen. Eine davon war es, Gold oder andere WERTvolle Metalle zum Zahlungsmittel zu erklären. Dieses Geld war zumindest etwas leichter, als drei Säcke Mehl. Aber auch hier wurde letztlich jedem Stück Gold ein bestimmter Wert beigemessen. Und wenn wieder einmal ein teurer Krieg vor der Tür stand, konnte kaum ein Herrscher wiederstehen, seine Münzen mit einem minderwertigen Metall, wie z.B. Blei, zu strecken. Die Folge ist die gleiche wie bei einer guten Getreideernte: der echte Wert der verwässerten Münzen nahm ab und das Zicklein kostete dann vielleicht schon fünf gepanschte Goldmünzen.

Was aber eint all diese Zahlungsmittel?

Naturalien, Gold, Silber, Diamanten - warum konnte und kann man bis heute mit diesen Werten bezahlen? Menschen werden ein Zahlungsmittel dann akzeptieren, wenn sie darauf vertrauen können, dass es den zugedachten inneren Wert behält. Dazu kommt, dass wir Menschen nun einmal – und ich meine das wirklich nicht negativ – nur begrenzt denken können. Unser Gehirn kann schlichtweg mit Begriffen wie „Unendlichkeit“ nicht wirklich umgehen. Wir fühlen uns in der Begrenzung geborgen. Vielleicht bauen genau deswegen Kinder gerne kuschelige Höhlen. So ist es auch mit Zahlungsmitteln. Wir glauben am ehesten an den Wertschutz des Zahlungsmittels, wenn wir dessen Existenz für begrenzt halten. Es war damals unglaublich aufwendig, Mutter Erde ein Gramm des kostbaren Goldes abzutrotzen. Anders formuliert: Der Energieaufwand der Gewinnung überstieg irgendwann den Wert des gefundenen Goldes. Zwar hat sich die Effizienz der Fördertechnik bis heute sehr stark verbessert und die Fördermengen sind gestiegen. Der Grundsatz der grenzkosten gilt aber genau so wie früher. Solange niemand Gold chemisch nachbauen (bei dem ein oder anderen kam ja dann Porzellan heraus) ist bei Gold grundsätzlich keine Inflationierung möglich.

An dieser Stelle möchte ich kurz auf das Schürfen von Bitcoins verweisen. Letztlich steht dahinter der gleiche Minenprozess, nur dass wir uns die Hände nicht selber schmutzig machen, sondern die armen Computer durch Rechen-Schufterei die kleinen elektronischen Nuggets ausgraben lassen.

Neben dem Vertrauen in die Begrenztheit muss ein Zahlungsmittel aber auch eine weitere Anforderung erfüllen – die Handelbarkeit oder Fungibilität. Es nützt Ihnen die schönste Goldmünze oder der bitigste Bitcoin nichts, wenn er von Ihrem Gegenüber nicht akzeptiert wird. Im neuvolkswirtschaftlichen Slang würde man vom sogenannten Network-Effect sprechen. Aber wie entsteht dieser? Relativ einfach, je mehr Menschen einem Zahlungsmittel vertrauen, desto mehr werden es als „Wertspeicher“ akzeptieren und desto handelbarer wird es wiederum. Wir reden hier über die Old-school Variante des „likes“. Neben diesen Voraussetzungen gibt es noch weitere Eigenschaften die ein Zahlungsmittel mitbringen muss. So muss das Geld einem Höchstmaß an Fälschungssicherheit genügen, sonst könnte man die ggf. natürliche Begrenztheit künstlich aushebeln. Außerdem sollte der Tausch auch praktikabel und kosteneffizient sein.

Und wer waren nun die ersten steinreichen Menschen auf der Welt?

Auf der Insel Yap in Mikronesien waren große, schwere Steine lange Zeit das Zahlungsmittel der Wahl - man könnte fast sagen, die härteste Währung der Welt. Dieses Steingeld hieß Rai. Jetzt könnte man einwerfen, dass es Steine überall gibt und damit die Begrenzung als notwendige Bedingung eines Zahlungsmittels nicht gegeben war. Stimmt, aber die Steine bestanden aus Kalzit und Aragonit – ein Mineral, welches auf der Insel nicht vorkommt. Steingeld auf YapDie Steine mussten von einer anderen, ca. 500km entfernten, Insel aufwendig auf Flößen herangeschleppt werden. Stichwort Goldschürfen. Mit den damaligen Mitteln war eine Inflationierung nicht möglich. Denkste! Ein Mann namens David Dean O’Keefe war 1875 auf das Fruchtfleisch der heimischen Kokosnüsse (sog. Kopra) scharf, denn daraus lässt sich Kokosöl herauspressen. Die Einheimischen lehnten aber alle angebotenen Zahlungsmittel ab! Klar: keine likes, kein Network-Effect, keine Handelbarkeit. Und womit hat er die Einheimischen nun herum bekommen? Klaro, er schipperte sie zu der Insel, wo es die schönen Kalzit-Steine gab und half dabei, diese wieder zurück zur Insel Yap zu transportieren. Nun ging es den Yapianern(?), Yapianesen(?), Yapoiden(?) wie unserem Getreidebauern und den altvorderen kriegslustigen Königen in Europa: Mehr Angebot an Zahlungsmitteln führt zu einem geringeren Wert pro Einheit. Die steinerne Inflation war geboren. Es hagelte dislikes auf der Insel, das Vertrauen in die Begrenztheit des Zahlungsmittels erlosch und das Ende war eingeläutet. Allerdings existieren die Steine bis heute und stellen ein zumindest symbolisches Zahlungsmittel dar. Die Geschichte von O'Keefe wurde auch verfilmt. Mehr Informationen dazu gibt es hier.

Und was lernen wir nun daraus?

Man mag es kaum glauben, aber das Steingeld der Insel Yap erfüllt vom Grundsatz her die oben beschriebenen Anforderungen an ein Zahlungsmittel. Sogar die Praktikabilität war gegeben. Denn die Steine wurden beim „Bezahlen“ nicht hin und her geschleppt, sondern nur der Besitz am Stein ausgetauscht. Eine Lehre daraus könnte sein, dass bis heute diverse Zahlungsmittel existieren und diese auch untereinander konkurrieren. Letztlich muss das Geld einer Zentralbank genau die gleichen Anforderungen erfüllen wie die Steinwährung auf der Insel Yap. Da Papiergeld technisch gesehen unendlich existiert, muss eine Notenbank dafür sorgen, dass die notwendigen Grundvoraussetzungen für die Akzeptanz als Zahlungsmittel erfüllt werden: Vertrauen auf Wertstabilität. Tut sie dies nicht, werden sich Menschen anderen, aus ihrer Sicht vertrauensvolleren, Zahlungsmitteln zuwenden. Für diese Entwicklung gibt es aus meiner Sicht bereits deutliche Anzeichen. Der massive Anstieg des Goldpreises ist ein klarer Indikator. Aber auch die Akzeptanz von Bitcoins – im Übrigen eine Währung ohne Notenbank! – zeigt, dass der Kreativität bei der Auswahl von Zahlungsmitteln keine Grenzen gesetzt sind. Letztlich können sogar Immobilien, Kunst oder schöne Oldtimer die Funktion und die Eigenschaften eines Zahlungsmittels erfüllen. Das es sogar noch viel kurioser geht, schreibe ich im Post Geldwäsche?! Wenn schon, dann richtig!

Daher liebe Zentralbanken: Holzauge sei wachsam!

Wenn die Menschen der Unterschrift auf dem Zentralbankscheck nicht mehr vertrauen, wenden Sie sich anderen, vertrauensvolleren, Zahlungsmitteln zu! Die derzeitige Notenbankpolitik, Menschen mit negativen Zinssätzen zu gängeln wird diesen Prozess nur beschleunigen! Die sich immer weiter ausbreitende Digitalisierung wird dafür sorgen, dass ganz neue, von ihrer Praktikabilität her wesentlich bequemere, Zahlungsmittel entstehen werden, an die wir heute vielleicht noch nicht einmal denken. Da sind Bitcoins nur der Anfang! Denn Bitcoins beziehen ihren praktischen Wert aktuell noch aus der Umtauschbarkeit in unser Primärzahlungsmittel. Dies mag sich in Zukunft aber auch ändern.

Mir ist das aber eigentlich alles egal. Ich habe mir nämlich meine Terrasse noch einmal genau angeschaut und festgesellt, dass der Boden komplett mit Betonplatten ausgelegt ist. Wenn es mir dem USD oder EUR reicht, tausche ich mein Terrassengold auf der Insel Yap gegen ein neues Auto ein!

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