Liebe Deinen Feind – dann bringt er Dir auch Rendite!

Vorgestern bewarfen sich die beiden Anwärter auf das Amt des Bundeskanzlers mit inhaltlichen Schaumstoffbällen und Seifenblasen. Ein Thema wurde dabei aber gestreift, dessen Auswirkungen uns alle betreffen – Dieselgate. Beide haben medienwirksam auch gleich die Schuldigen präsentiert - die nimmersatten Topmanager. Die Wahrheit ist aber komplexer und tritt viel häufiger auf als wir denken. Und vor allem gilt: wer sie nicht kennt, verliert Geld!

Um es abzukürzen…

Eines gleich vorweg. Ich nehme keine(n) Manager von VW in Schutz. Ganz im Gegenteil. Diese Firma war und ist bis heute ein glänzendes Beispiel von Kungel, Präsigkeit, Ignoranz, Großmannssucht, Gier und auch Dummheit. Aber damit beschäftigen sich nun viele Gerichte. In Anlehnung an analoge Verfahren in der Bankenbranche kann aber davon ausgegangen werden, dass diese Prozesse ausgehen, wie das Hornberger Schießen. Beispiele finden sich dazu viele: IKB, SachsenLB, BayernLB, HRE und Co. Wie im aktuellen VW Skandal bleiben oft Kunden und Mitarbeiter zurück, die sich ausgenutzt und betrogen fühlen. Man muss sich nur einmal vorstellen: Sie kaufen für unglaublich viel Geld einen Neuwagen – für viele ist dieser die teuerste Anschaffung im Leben – und glauben dabei, der Umwelt und der Wirtschaft im Lande etwas Gutes getan zu haben. Ein paar Monate später erklärt ihnen jemand, dass dieses Auto eine luftverpestende Drecksschleuder ist. Der Wiederverkaufswert schmilzt über Nacht wie ein Eis in der Sonne. Und um alle Betroffenen noch vollends zu verhöhnen, treffen sich die Betrüger und erklären, dass ein simpler Eingriff in die Software alles wieder richten werde. Garantien für Motor und ausgesetzte Fahrverbote? Fehlanzeige! Wie kann das alles sein, wo doch auch die Politik inklusive der beiden Bundeskanzler in spe ihre Hände im Spiel haben.

Das Problem des geschlossenen Organismus'

Waren Sie schon einmal demonstrieren? Falls ja und es nicht gerade eine Demo gegen die Vorherrschaft des Wechselstroms war, kennen Sie sicherlich das Phänomen des Herdentriebs. Man läuft mitten in der Menge, ruft Parolen und hält Schilder hoch. Ein Steuern des Demonstrationszugs als Einzelner ist faktisch nicht möglich. Genaugenommen weiß man inmitten der Menge oft gar nicht, wo genau die Masse hinläuft – man läuft einfach mit. Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig, denn man sieht in der Regel weder den Anfang, noch die Seitenlinien der Demo. Im Ergebnis wird aus dem Demonstrationszug so etwas wie ein eigener abgeschlossener Organismus, bestehend aus vielen Teilnehmern. Bleiben wir bei der Vorstellung eines aus vielen Teilen bestehenden Organismus‘ und wechseln zum menschlichen Körper. Hier gibt es so etwas wie „Aufpasser“-Zellen, die Krankheiten verhindern sollen. Klingt erst einmal gut. Dennoch bleibt ein Grundproblem – diese Antizellen sind Bestandteil des Organismus, über den sie wachen sollen. Sie werden daher immer im Sinne des Organismus handeln, um dessen Existenz nicht zu gefährden. Klingt an sich auch logisch. Denn was nützt ein Antikörper, der Krankheiten verhindert aber den Organismus dann auf andere Weise umbringt. Was im menschlichen Körper ganz gut funktioniert, lässt sich aber nicht ohne weiteres auf das Wirtschaftsleben übertragen. Denn die körpereigenen Abwehrzellen – man könnte sie Aufsichtsgremium, Compliance, Revision etc. nennen – schaden dem Organismus – nennen wir ihn z.B. Firma, Verein, Branche, Land – oftmals mehr, als sie ihm nützen.

Wo Compliance und Kontrolle draufsteht, ist oft Klüngel und Misswirtschaft drin

Die Fédération Internationale de Football Association – oder kurz FIFA – ist ein Musterbeispiel für das Versagen einer systeminternen Aufsicht. Die Kontrollgremien saßen entweder direkt in der Organisation selber oder waren finanziell von ihr abhängig und gehörten somit implizit dazu. Wie in der Natur, sind diese nach außen hin positiv wirkenden Compliance-Helferlein nicht auf die Zerstörung des eigenen Organismus ausgelegt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Erst die Existenz solcher intrinsischen Kontrollmechanismen macht ein so gigantisches Bestechungs- und Betrugssystem wie im Falle der FIFA möglich. Denn Externe vertrauen zunächst auf die nach außen hin als wirksam verkauften Aufsichtsunktionen. (Ohne abdriften zu wollen: Ein gutes Stichwort hierbei ist asymmetrische Information)

Aber wir müssen gar nicht in die Schweiz schauen. Auch in Deutschland bieten sich zahlreiche Beispiele. Eines davon ist der ADAC. Auch hier waren die Kontrollfunktionen ausschließlich durch organismus-eigene Positionen besetzt. Und selbst diese waren nur spärlich gesät. Über Jahre hat sich ein System entwickelt, bei dessen Bekanntwerden viele nur fassungslos den Kopf schütteln konnten. Das Ergebnis war wie immer gleich: unfähige, selbst-optimierte Manager, die sich keiner Schuld bewusst waren und sogar den (für sie) ernstgemeinten Vorschlag unterbreiteten, dass sie die Aufklärung und Aufarbeitung dieses Skandals leiten möchten.

Verallgemeinerung

Ich möchte meine getroffenen Aussagen in ein paar kurzen Thesen zusammenfassen:

Eine Organisation, die nur oder hauptsächlich von organisationseigenen bzw. -nahen Kontrollfunktionen überwacht wird, unterliegt über kurz oder lang einer Fehlentwicklung. Diese Fehlentwicklung kann von verringerter Effizienz bis zur Existenzgefährdung reichen. Ursache hierfür ist die Selbstoptimierung weniger Beteiligter, die zulasten des Erfolgs der Organisation stattfindet.
Je ausgeprägter (in Bezug auf Menge, Bedeutung etc.) die internen Kontrollstellen sind, desto länger lässt sich die Fehloptimierung aufrechterhalten und desto größer ist der spätere Schaden.
Der Schaden für die Organisation übersteigt den vorher generierten Vorteil für die optimierenden Einzelpersonen deutlich.

Was hat das mit Dieselgate zu tun?

Wenn man die deutsche Automobilwirtschaft unter dem Aspekt von echten Kontrollfunktionen analysiert stellt man schnell fest, dass es keine objektive und externe Überwachung gibt. Natürlich gibt es scheinbare Kontrollorgane wie z.B. einen Bundesverkehrsminister (ja, der peinliche Typ im Karosacko, der sich mit seiner Hornbrille und seinen 2 wilden Haarsträhnen für einen Hippster hält), einen TÜV oder ein Kraftfahrtbundesamt (KBA). Bei näherer Betrachtung stellt man aber schnell ernüchtert fest, dass alle Vorgenannten auf die eine oder andere Weise Teil dieses System sind oder mit diesem in grundlegender Abhängigkeit stehen. Allein das von beiden Kanzleraspiranten vorgebrachte Geschwubbel um die Sorge von Arbeitsplätzen ist nichts anderes als ein Nachweis, dass die Politik kein objektives Kontrollorgan darstellt. So hart und so unschön wie die Strafen und Anklagen der Deutschen Autobauer in den USA sind, so gerechtfertigt sind sie. Sie stellen nichts anderes als ein echtes, in Deutschland fehlendes, externes Kontrollorgan dar. In Analogie zu den o.g. Thesen wage ich sogar zu behaupten, dass die Strafen noch milde ausgefallen sind. Denn wie hoch wären diese erst in 10 Jahren. Bis dahin hätten sich nämlich die verantwortlichen Unternehmen schon hinreißen lassen zu behaupten, Dieselmotoren arbeiten gänzlich ohne Abgase. Auch meine Reflexreaktion war es, auf die Amis zu schimpfen (was man bei dem Präsidenten wahrscheinlich schon gern mal tun kann). Aber dieses Kochen im eigenen Saft hat dazu geführt, dass eine komplette Branche fast den Einstieg in eine Zukunftstechnologie verpasst hätte. Erst die Arroganz und Präsigkeit der heutigen Autobosse hat den Aufstieg von Tesla, Streetscooter und Co erst möglich gemacht! Insofern haben alle Beteiligten dafür gesorgt, dass wir den heutigen Wohlstand auf Pump von der nächsten Generation zelebrieren dürfen. Ich sehe die Strafe eher als eine Art heilsamen und hoffentlich produktiven Schock für die Deutsche Autoindustrie! Denn Tesla und Co kochen auch nur mit Wasser bzw. unendlich viel Cash von Investoren. Noch ist der Abstand zwischen der Verbrenner- und der selbstfahrenden Elektrowelt nicht so groß, als dass man ihn nicht wieder aufholen könnte.

Darum liebe Deinen Feind!

Sie können mir eins glauben, viele politische Parteien und deren Inhalte gehen mir am Allerwertesten vorbei. Dennoch respektiere und akzeptiere ich sie (was nicht für die Kaspertruppe der AfD gilt). Aus meiner Sicht sind sie die grundlegende Notwendigkeit in einer Demokratie. Sie zwingen die herrschenden Parteien dazu, sich und ihre Entscheidungen zu erklären. Gleiches gilt für die Presse. Auch diese stellt ein wichtiges nicht systeminternes Kontrollorgan dar. Hierbei möchte ich auch nochmals kurz auf das Thema Europa eingehen. Früher gab es externe Kontrollorgane für die Wirtschaftseffizienz eines Landes. Sie hießen Zins und Wechselkurs. Denn der Wechselkurs ist nichts anderes als der Aktienkurs eines Landes. Glauben andere Marktteilnehmer nicht an die Effizienz und Produktivität eines Landes, verkaufen sie die Währung und werten sie damit ab – es entsteht eine Weichwährung. Mit den heutigen Maßnahmen der EZB wurden beide externen Prüfmaßnahmen abgeschafft: Zins? Gib es defakto nicht mehr (siehe auch Artikel Kernschmelze Europa – Festtagsumzug oder Trauermarsch? (2)). Wechselkurs? Wurde mit Einführung des Euro abgeschafft! Kontrollorgane? Gibt es eigentlich viele. Aber sind diese systemisch unabhängig?

Erweitern der Checkliste

Bei Anlageentscheidungen sollte es nicht anders sein. Die Prüfung auf die Existenz echter externer Kontrollmechanismen sollte zum 1x1 der Investment-Analyse gehören. Vor allem sollte man hier nicht blind auf unternehmenseigene Aussagen vertrauen. Kann man keine wirkliche Aufsicht erkennen oder sollte diese nur unzureichend vorhanden sein, baut sich bereits eine Verlustblase auf, die niemand sieht und bei der sich am Ende alle fragen, wie es dazu kommen konnte. Blöd nur, dass dieser opportunitätsschaden nicht vom Kaufpreis abgezogen wurde.

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