Rabattstreit bei Medikamenten – Hat die deutsche Apotheken - Mafia mal wieder auf Kosten aller gewonnen?

In einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs EUGH wurde klar gestellt, dass die in Deutschland verbindliche Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente mit EU-Recht nicht vereinbar ist. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht in Deutschland ansässige Versandapotheken, wie DocMorris oder europa-apotheek ihre verschreibungspflichtigen Medikamente mit Rabatten an Deutsche Patienten versenden dürfen. Für alle chronisch Kranken bedeutet dies eine echte und spürbare finanzielle Erleichterung. Aber, anstelle das wir uns darüber zu freuen, liefern wir Deutschen mal wieder ein Lehrstück des Sozialismus ab!

Kastendenken gibt’s nur in Indien? Kalkutta existiert auch in Deutschland

Viele Landsleute schmunzeln gern über die wirtschaftlich prekäre Lage in Italien. Ein Hauptgrund für die schlechte Verfassung sind die vielen Kasten. Apothekenlizenzen werden stellenweise nicht aufgrund der fachlichen Eignung vergeben, sondern können nur durch eine Erbschaft erhalten werden. Aber halt, wir müssen gar nicht nach Italien oder Griechenland schauen, bleiben wir doch in unserem schönen liberalisierten Deutschland. Über die lächerliche Lizenzvergabe bei Taxis möchte ich mich hier gar nicht auslassen. Ach, was soll‘s, ich tu’s doch kurz: Die Lizenzen werden in Großstädten zu teilweise mehreren hunderttausend Euro verkauft. Die Taxifahrer stellen dies gern als staatliche Gebühr dar. Letztlich geht das Geld aber nicht an den Staat, sondern an den Lizenz-Vorbesitzer. Anders herum formuliert: Die aufgrund der staatlichen Behörden festgelegten Fahrpreise sind so stark überteuert, dass sich der Einstieg in das Taxi-Geschäft trotz der hohen Ablöse noch lohnt. Da wird doch auch gleich klar, warum sich die Beliebtheit vom unregulierten UBER in dieser Zunft in Grenzen hält. Im Falle von Apotheken verhält es sich etwas besser, aber auch hier hat der Staat, natürlich nur zum Schutze der Bevölkerung, überall seine Finger im Spiel. Um in Deutschland eine Apotheke eröffnen zu dürfen, bedarf es eines vierjährigen Studiums, eines darauf folgenden einjährigen Praktikums und einer behördlichen Zulassung, welche nicht nur den Apotheker selber, sondern auch dessen Räumlichkeiten prüft. Der größere Staatseingriff erfolgt aber über die Preisfestsetzung (bzw. das Rabattverbot) bei verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Massagesalon Apotheke

Hat man es erst einmal zu seiner eigenen Apotheke gebracht, ist es natürlich ein Dorn im Auge, dass da ein dahergelaufener WWW-Online-Apotheken-Fritze das gleiche Zeug billiger verkaufen darf. Aber was ist eigentlich das gleiche Zeug? Apotheken sind oftmals schon längst über das Stadium eines reinen Krankenversorgers hinaus gewachsen. Sie verwandeln sich zunehmend in Beautytempel und Schlankheits-Boutiquen. Der Umsatzanteil von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und „Ergänzungsprodukten“ liegt nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (abda) bei ca. 15%. Aber hier liegt schon eine Art Treppenwitz vor. Denn die Umsatzzahlen sind ja genau wegen des Rabattverbots zugunsten verschreibungspflichtiger Medikamente verzerrt. Nehmen wir doch einmal die Anzahl die verkauften Verpackungen pro Jahr. Und schwupps stellen wir fest, dass von den 1,4 Milliarden Packungen pro Jahr, fast 40% dem Beauty- und Selbstmedikationsbereich zuzurechnen sind. Jetzt stellt sich mir die Frage, ob man für den Verkauf von Hustenbonbons, Meersalznasenspray und Imodium Akut eine teure fünfjähre Ausbildung benötig und warum ein Doktor Internet diese Leistung nicht auch anbieten können sollte? Jetzt hör ich schon das Lobby-Gejammer: Die gute und geprüfte Beratung, der Standard, die Versorgung der Alten und der ländlichen Regionen. Beratung? Bisher hat immer ein Arzt und keine Apotheker das Medikament verschrieben. Für den Fall, dass der Arzt vergisst, mich über die Einnahme aufzuklären, gibt es da etwas, das nennt sich Packungsbeilage. Bin ich zu faul diese zu lesen, gebe ich den Namen des Medikaments in mein Smartphone ein und erhalte neben sämtlichen Infos auch noch Erfahrungen anderer Anwender. Versorgung von ländlichen Regionen und der Alten? Wir sind nicht mehr mit der Pferdekutsche unterwegs. Dieses neuartige Dings namens Internet ist sogar schon in ländlichen Regionen angekommen. Da können die Menschen ohne Probleme alle Medikamente (mit Rabatt) bei der Online-Apotheke bestellen. Und das ältere Leute ihre Medizin gleich nach Hause geliefert bekommen, sehe ich jetzt auch nicht unbedingt als großen Nachteil.

Wahlkampfgeschenke auf Kosten aller

Es macht mich fast traurig zu sehen, wie wichtige Verbrauchervorteile von Politikern mit Füßen getreten werden. So hat unser (Noch) Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe als Marionette der Apotheken-Kaste nicht s anders zu tun, als laut über ein Verbot des Versands von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu schwadronieren. Das sichert dann natürlich die Pfründe der Lobby-Freunde. Vielleicht haben die ja nach der anstrengenden Beamtenkarriere auch ein warmes Plätzchen auf dem Politiker-Gnadenhof – siehe Pofalla oder Koch. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast darüber lachen, wie eine ewig gestrige Gemeinschaft krampfhaft versucht, mit immer peinlicheren Aktionen Wasser aus dem untergehenden Schiff zu schaufeln. Man muss sich einmal vorstellen, dass viele dieser ehrenwerten Apotheker tausende mit weißem Pulver gefüllte Briefumschläge zu DocMorris geschickt haben. Als Umschläge wurden natürlich die portofreien Rezept-Briefe der Internetapotheke verwendet. Ich stelle es mir nicht so amüsant vor, wie Mütter und Väter in der Postannahme stehen und Briefe mit weißem Pulver öffnen müssen. Gratulation liebe Apotheker, dass gibt die große Sympathie-Medaille in Holz.

Komisch, der Schuldzuweisungskompass zeigt immer zu den anderen?!

Aus meiner Sicht ist ein Großteil der Apotheken-Malaise hausgemacht und wird hauptsächlich von den Verbänden – auf die sich vor allem die kleinen Apotheken zu sehr verlassen – verschuldet.

Beispiel 1: Werbekanäle

Wer kommt heute noch auf die Idee, ein Wurstblatt namens Apotheken-Umschau mit einem Monsterbudget im Fernsehen zu bewerben. Nahezu kein Kunde weiß eigentlich, dass die Apotheke für jedes (kostenlos) an Kunden ausgereichte Exemplar einen Betrag (ich glaube es sind 50cent) an den Verlag zahlen muss. Jeden Monat schlonzen tausende Rentner in die Apotheke und grabschen sich das „Gesundheitsmagazin“, ohne einen Cent Umsatz in der Apotheke zu hinterlassen. Anstelle mit (zahlenden) Apotheken zu werben, verweist der Verlag auf seiner Homepage lieber auf die hohe Auflagenstärke, um die Werbeprämien nach oben zu prügeln. Möchte dann nämlich eine Apotheke in der Gazette werben, wird die dann mit saftigen Preisen nochmals abgerippt – super Geschäft lieber Apotheker! Ich merke schon, Betriebswirtschaft gehört nicht zu der 5-jährigen Ausbildung. Kann mir bitte jemand erklären (es gibt ja eine Kommentarfunktion), welche Krankheit mich befallen haben sollte, meine Apotheke als Vermarktungspunkt für einen Zeitschrift dienen zu lassen, die sich aufgrund meiner Verteilung mit Werbung d&d verdient, aber in keiner Weise auf meine Apotheke individualisiert ist und für die ich dann auch noch zahlen soll?!

Beispiel 2: Auftritt

Alte Apotheke Liebe Apotheker, schaut Euch bitte einmal Eure Läden an. Ein Schrank mit 250 kleinen Emailschild-verzierten Holzschublädchen (ach ja, heißt ja auch Apothekerschrank) aus dunklem Eichenholz auf dem ihr dann Almased und Faszien-Massagerollen anpreist, rangiert in der Coolness-Skala irgendwo zwischen Fußpilz und Herpes. Die großen Apotheken Ketten habe dies schon längst begriffen. Das Zauberwort heißt Wohlfühlatmosphäre und Einkauferlebnis. Also Staubsauger raus und weg mit dem Krust! Dann gibt es da auch so etwas, wie eine digitale Broschüre, man nennt sie Internetauftritt.

Beispiel 3: Zielgruppe

Der Fokus der Apothekenlobby richtet sich scheinbar ausschließlich auf die Zielgruppe der über 80-Jährigen. Das stellt man auch schnell bei der Werbe-Dauerbefeuerung durch das Käseblatt Apothekenrundschau fest. Aber nicht jeder 30-jährige fühlt sich in einen Laden gezogen, der mit Titelstorys über Prostatauntersuchung und Hüftgelenkersatz beworben wird. Ähnlich verhält es sich in vielen Apotheken: Da steht er dann, der Herr Professor im weißen Kittel und schaut den unwissenden Kunden über die Gläser seiner weit nach vor geschobenen goldgeränderten Brille von oben herab an und begrüßt ihn mit einem herzlichen „Sie wünschen?“

Beispiel 4: Lager und Route to market

Gefühlt jedes Mal, wenn ich in der Apotheke ein verschreibungspflichtiges Medikament kaufen wollte, war dieses nicht vorrätig und musste bestellt werden. Ich wurde dann aufgefordert, am nächsten Tag wiederzukommen. Merken Sie was? Mit dem einen Tag ist das wie bei einer Internetapotheke, nur muss ich da nicht zweimal hin, sondern die kommen zu mir!

Beispiel 5: Freibiermentalität

Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich in der Apotheke ein Nasenspray kaufe und dann noch eine Packung Taschentücher von Ratiopharm in den Wick MediNait Beutel geschmissen bekomme. Ist eigentlich irgend einem Apotheker schon einmal das Licht aufgegangen, dass sie ständig für alle anderen Werbung machen, nur nicht für sich selber? Wie heißt denn die Apotheke, in der Sie das letzte Mal Ihr Nasenspray gekauft haben? Definitiv nicht Wick MediNait!

Fazit:

Es ist schlimm, wenn sich Politiker von Lobbyverbänden instrumentalisieren lassen, um eine n Schritt in Richtung Liberalisierung des überteuerten Pharmamarktes zu verhindern. Noch dazu, wenn dies zugunsten einer um ihre Pfründe fürchtenden Kaste geschieht. Aber den Druck der Zukunft wird auch das nicht aufhalten. Anstelle zu jammern und sich mit peinlichen Aktionen ins Rampenlicht zu schieben, sollten die Apotheken lieber nach Möglichkeiten und Chancen suchen. Denn wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen! Vielleicht wäre es ja auch ein Rat, nicht nur im eigenen Verbands-Saft zu schmoren, sondern sich einmal Ideen von anderen Branchen zu holen.

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Sonntag, 20. August 2017

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