Bier&Breze - Der Philoskonomie Finanzblog

Ziel dieses Blog ist es, Denkanstöße zu geben und Diskussionen zu provozieren. Meine Posts sind nicht wissenschaftlich belegt, in der Regel absolut subjektiv, einseitig und wertend. Aber genau damit möchte ich Ihnen einen Nadelstich versetzen, der Ihnen hoffentlich einen Kommentar abringt.

Uber, airbnb, Helpling & Co – Eure Zukunft war gestern!

Uber, airbnb, Helpling & Co – Eure Zukunft war gestern!

Ich kann es nicht mehr hören und sehen! Verwöhnte Muttersöhnchen von Elite-Universitäten meinen, die Welt hätte auf Ihre „Du brauchst deinen Hintern nicht mehr bewegen, lass es einen Anderen für dich schleppen“ - Apps gewartet. Bei fast all diesen selbsterklärten Weltwundern handelt es sich aber um nichts anderes als Scheinriesen. Je näher man dem Geschäftsmodell kommt, desto kleiner wird es! Die vermeintlichen Einhörner können die in sie gesetzten Erwartungen niemals erfüllen!

Netzwerken als Geschäftsmodell

„Das größte Taxiunternehmen hat kein eigenes Auto, der größte Hotelbetreiber hat kein einziges Zimmer…“. Bekannt, gekauft! Wenn man aber mal genau hinschaut, dann ist Uber eben kein Taxiunternehmen und airbnb unterhält nun einmal keinen Hotelbetrieb. Dieser feine Unterschied ist keine Prinzipienreiterei, sondern entscheidet über Milliarden. Wir kommen darauf zurück, versprochen.

Betrachtet man die Geschäftsmodelle der aktuell gehypten Startups, verbirgt sich dahinter nichts anderes als die Rolle eines Vermittlers in der Welt der "Shared Economy". Die Jungs-CEOs bezeichnen sich dann schon ganz gern einmal als "Möglichmacher" oder im Neudeutsch "Enabler". Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, denn die Vermittlerfunktion ist für effiziente Märkte essentiell. Sie bringt letztlich Angebot und Nachfrage zusammen. Nur ist sie halt nicht neu. Letztlich erfüllt jeder lokale Wochenmarkt die gleiche Aufgabe. Zugegeben, die technischen Möglichkeiten sind im Gegensatz zum bepflasterten Dorfplatz schier explodiert und mit ihnen auch die Reichweite und Teilnehmeranzahl. Letztlich kassiert airbnb eine Vermittlerprovision, wie sie auch Taxifahrer seit Menschengedenken vom Freudenhausbetreiber erhalten, wenn sie zahlungskräftige Kundschaft anschleppen. A mit C verbinden und als B die Provision abgreifen. Klingt gut und bedeutet in der Theorie, mehr A und mehr C ist gleich mehr Provision! In der Praxis ist das mit der unendlichen Skalierbarkeit leider nicht so einfach, weshalb sich ein Großteil der über 2.500 Mitarbeiter von airbnb um Beschwerden, die von Zimmeranbietern oder Gästen hervorgebracht werden, kümmern muss – ein teures, mühsames und einzelfallbezogenes Unterfangen. Obwohl die Firma bereits heute mit 2,5 Millionen Unterkünften über ein mehr als doppelt so großes Portfolio wie die weltgrößte Hotelkette Marriott verfügt, ist operativ noch niemals ein Cent hängengeblieben. Trotzdem beträgt der Firmenwert stolze 30 Milliarden USD.

Noch so ein Kandidat: Uber. Schaut man mal hinter das überhebliche und großspurige Auftreten von Travis Kalanick sieht man eine Firma die voller Stolz verkündet, im Jahr 2016 in Nordamerika erstmals profitabel sein zu wollen. Naja, ich denke bei einem rechnerischen Firmenwert von über 60 Milliarden USD ist das eine sehr gute Idee.

Fragwürdige Wertansätze

völlig überhöhte Ansätze im FirmenwertWoher kommen die exorbitanten Firmenwerte eigentlich? Ist der Schützling noch nicht an der Börse versilbert, gibt es dafür die sogenannten Finanzierungsrunden. Aus diesen soll sich der Firmenwert transparent ableiten lassen. Wie eindeutig und nachvollziehbar diese Methode ist, zeigt sich in der Diskussion um die Last Portfolio Value (LPV) Wertansätze bei Rocket Internet. Hier wurde der Firmenwert der Global Fashion Group (z.B. Zalando) auf Basis der letzten Finanzierungsrunde um über 160 Mio. Euro höher angesetzt, als beim Schwedischen Investor Kinnevik, der ebenfalls direkt an der Rocket-Tochter beteiligt ist. Man sollte sich auch einmal die Teilnehmer von Finanzierungsrunden und deren Motivation näher vor Augen führen. Kein im Startup engagierter Investor möchte sehen, dass sein in der Vergangenheit investiertes Kapital in einer neuen Finanzierungsrunde weniger wert ist. Im Zweifel muss man halt selber mächtig viel neue Kohle in den Ofen schaufeln. Die Hauptsache ist, es lodert richtig und andere potenzielle Investoren sehen das helle Feuer. Man kann auch von sich-selbsterfüllenden Prophezeiungen sprechen. Hinzukommt, dass aktuell viele Investoren aus schierer Angst, etwas zu verpassen, kopflos handeln. Dies gilt vor allem dann, wenn die Bude einen Stempelaufdruck mit der Bezeichnung FinTech or InsurTech trägt. Außerdem ist Investor-spielen gerade voll im Trend, siehe Senior-Löwe Maschmeyer. Man sollte auch im Fokus behalten, dass vor allem bei „reiferen“ Startups oftmals nur „kleinere“ Finanzierungsrunden durchgeführt werden und anhand dieser dann aber der gesamte Firmenwert hochgerechnet wird. Beispiel Uber: In der Finanzierungsrunde Anfang 2016 ging es um „nur“ 1 Milliarde USD. Anhand der dafür verkauften Firmenanteile wurde dann ein Gesamtfirmenwert von 62,5 Milliarden USD errechnet. Solche Mondzahlen werden dann auch gern als Wertbasis für einen Börsengang verwendet, siehe Zalando. Unterstützt wird die Preisorgie auch vom weltweit niedrigen Zinsniveau. Auf der einen Seite fehlen schlichtweg attraktive Geldanlagealternativen und auf der anderen Seite sorgen die Zinsen im Rahmen des Discounted Cash-flow (DCF) Modells für rechnerisch utopische Firmenwerte. Ich bin mir ziemlich sicher: Hätten wir ein höheres Zinsniveau, würden wir von vielen Bullshit-Apps und Pseudo-Geschäftsmodellen verschont bleiben.

Wie lange darf man denn in den Kindergarten?

Getreu dem Song von Herbert Grönemeyer „Wann ist ein Mann ein Mann“ stellt sich mir die Frage, wie lange man eigentlich als Startup gilt? Kindern gönnen wir ihre Spielzeit. Es käme uns aber sicherlich komisch vor, wenn ein 30-jähriger Mann noch im Sandkasten spielt – Väter mal ausgenommen. Anders herum gefragt: Zu welchem Zeitpunkt wäre es eigentlich opportun nachzufragen, wann denn der junge Mann das Hotel Mama mal verlassen möchte, um seine Brötchen selber zu verdienen?! Wann also muss sich ein Startup die Frage gefallen lassen, wieviel Rendite das weltverbessernde Geschäftsmodell denn nun eigentlich abwirft. Dass eine solche Frage sofort zu schreckhaften Zuckungen des gegenüber sitzenden Hipsters führt, verwundert nicht. Ist aber auch nicht schlimm! Getreu dem Motto „Kleinkind, heranwachsender Jugendlicher oder junger Erwachsener“ erfinden die Inkubator-Nannies halt ein paar Zwischenstufen. Denn nicht nur Kleinkinder, sondern auch Jugendliche dürfen noch etwas spielen. Wir alle kennen ja die Pokemon jagenden Pickelgesichter. Bei Rocket-Internet nennt man die Pubertierenden dann einfach „Proven Winners“, wobei hier das Wort „Winner“ scheinbar etwas anders definiert wird als leo.org oder ich dies tun würden.

Das Dilemma

Ist der Firmenwert noch so krude, kann man diesen immer mit den glänzenden und profitablen Zukunftsaussichten rechtfertigen. Man hört dann immer wieder etwas von "The Power of the Crowd“. Dahinter steht der Gedanke, dass man Kunden erst einmal an die Plattform binden möchte, um dann später geeignete Einnahmequellen durch die Erweiterung des Geschäftsmodells zu finden - nennen wir es einmal Phase 2. Ganz beliebt ist es, etwas von Milliardeneinnahmen durch kundenoptimierte Werbung zu schwubbeln. Die Rechtfertigung eines maßlosen Firmenwerts bzw. Umsatzmultiplikators durch den alleinigen Glaube an die Zukunft enthält aus meiner Sicht aber einen grundlegenden Denkfehler. Denn die Firmen können die implizit im Firmenwert steckende (zukünftige) Profitabilität durch einen Wechsel bzw. die Ausweitung des Geschäftsmodells in der Regel gar nicht erreichen.geschäftsmodell erweitern uber air bnb tesla Denn ändern die Startups ihr Geschäftsmodell, befinden sie sich auf einmal in einer Liga von Unternehmen, welche untereinander relativ transparent verglichen werden können. Bleiben wir doch bei den beiden obigen Beispielen und dem primären Ziel, erst einmal Kunden zu gewinnen. airbnb hat bereits 2,5 Millionen Unterkünfte zum vermarkten, Uber ist bereits in allen Ländern, in denen die einheimischen Taxifahrer nicht gerade die Aushilfs-Chauffeurs vermöbeln, aktiv. Wie viele Unterkünfte oder Länder sollen da bitte noch hinzukommen, um profitabel zu werden? Wieviel Jahre sollen noch vergehen, bis der "Mann ein Mann" wird? Das Wachstum in beiden Geschäftsmodellen geht dem Ende entgegen. Daher muss nun Phase 2 - Erweiterung des Geschäftsmodells auf Basis der bereits gewonnen Kunden - gestartet werden. Aber an genau dieser Stelle beginnt das eigentliche Dilemma. Natürlich kann airbnb – so wie es oft vorgeschlagen wurde – selber Hotels oder wenigstens smarte Unterkünfte bauen. Die Daten, wo und mit welcher Zielgruppe sich dies lohnen würde, haben sie ohne Zweifel. Nur – und jetzt komme ich auf das eingangs Erwähnte zurück – wären sie dann halt letztlich ein schnöder Hotelbetreiber und müssten sich mit der zugehörigen Peergroup vergleichen lassen. Nehmen wir hier einmal den größten Fisch im Teich, Marriott. Der hochprofitable Hotelmanager hat nach der Übernahme von Starwood einen Börsenwert von 27 Milliarden USD. Fällt da etwas auf? Bei Uber ist es ähnlich. Die Wachstumsraten verlangsamen sich stetig. Also muss ein neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert werden – autonom fahrende Taxis. Wie bitte?! Ich glaube, ich werde folgenden Brief an Uber schreiben:

Sehr geehrter Herr Kalanick,

sicherlich ist es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass nahezu alle Automobilbauer (und ich zähle hier schon einmal Google und Apple mit dazu) bereits heute eine praxistaugliche Technologie für das autonome Fahren besitzen. Allein versicherungsrechtliche Probleme verhindern derzeit den Massenbetrieb. Ich gehe aber davon aus, dass die Versicherer bei dem Geschäftsmodell der Personenbeförderung eine Ausnahme machen. Sollte dem nicht so sein, können Sie dieses Hindernis aber sicherlich mit Ihrer charmanten und einfühlsamen Art aus dem Weg sprengen. Mit freundlichen Grüßen, Bier&Breze.de

In der Idee, der problemlosen Erweiterung oder Änderung des Geschäftsmodells auf Grundlage "der installierten Basis", steckt noch ein weiterer Fehler. Es wird unterstellt, dass die bereits gewonnenen Kunden auch weiterhin an Board bleiben. Ich stelle aber die These auf, dass viele Kunden genau wegen des originären Service eine Plattform nutzen. Wenn ich eine App für die Bestellung von Putzfrauen nutze, werde ich zukünftig keine Versicherungen über diese Plattform abschließen. Kunden sind heute letztlich wie Partyvolk. Wenn es langweilig, nervig oder teuer wird, sind sie ohne Danke zu sagen ganz schnell weg und bei der Party anzutreffen, bei der es wieder Freibier gibt. Beispiele für das fehlende Potenzial einer Geschäftsmodellerweiterung gibt es genug. Twitter ist es bis heute nicht gelungen, sich von der ursprünglichen Kurznachrichtenwelt profitabel weiter zu entwicklen. Aktuell befindet sich die Aktie im freien Fall. Beispiel Whatsapp: Auch nach 3 Jahren kann Facebook keinen Weg finden, den damals 19(!) Milliarden USD teuren Kauf des Kurznachrichtendienstes zu monetarisieren. Ich denke dabei nur an die Proteste, als Facebook jüngst bekannt gab, die Metadaten aus Whatsapp-Chats für personalisierte Werbung nutzen wollen.

Es ist ein Paradoxon: Solange die Startups mit Ihren Aussagen bezüglich der Profitabilität immer schön vage bleiben, sind Investoren bereit, astronomische Preise für sie zu zahlen. Möchten die Firmen dann Ihr Geschäftsmodell nachhaltig monetarisieren und verlassen sie damit den Spalt zwischen Lücke und Nische wundern sich alle Beteiligten, dass es The Next Big Thing bereits seit langem gibt und von etablierten Unternehmen erfolgreich vermarktet wird. Die Lehre daraus? Ein Startup sollte die Mystik über die zukünftige Profitabilität lange aufrechterhalten. Dies gelingt am besten, wenn man sich zusätzlich eines Personenkults um den Gründer bedient. Der kann dann bei jeder Gelegeheit etwas von großen Visionen und dem Umkrempeln ganzer Branchen erzählen.

Oldschool reloaded?

Ich denke viele Investoren unterschätzen die "alten Jungs". Denn im Gegensatz zu der oft von den vor Selbstvertrauen strotzenden Jung-CEOs kolportierten Meinung, arbeiten viele der langweiligen Unternehmen eben doch an zeitgemäßen Lösungen. Denn während die Startups noch selbstverliebte Kinkerlitzchen machen, haben auch Taxifirmen mittlerweile Apps am Start, die einen Fahrgast anhand seines Handy-GPS orten, den Fahrpreis vorher bekannt geben und eine bargeldlose Zahlung anbieten. Und zu wissen, dass ein Auto, welches meinen Astralkörper nach Hause befördern darf, vielleicht schon einmal so etwas wie einen Brems-Service gesehen hat, ist mir gern 2 EUR Mehrpreis wert! Weiterhin ist das Thema Digitalisierung, autonomes Fahren und e-Mobilität bei BMW, Audi und Daimler bereits zum Mantra geworden. Viele Hotelbetreiber bringen Kunden auf ihre eigenen Buchungsplattformen zurück, weil die Gäste feststellen mussten, dass bei Problemen eben doch nicht alles booking.easy ist. Und noch eine kleine Anmerkung am Rande: Die Firmen der „alten Welt“ zahlen auch so etwas piefiges wie eine Dividende.

Je länger Investoren und Inkubatoren den Startups Zeit lassen, desto mehr Raum entsteht für bereits etablierte Firmen, ihre Geschäftsmodelle mit den neuen Features aufzuladen und desto schwerer wird es, die Geschichte vom zukünftigen Profit aufrecht zu erhalten. Auch wenn es die Börsenwerte der vermeintlichen Non-Techs oftmals nicht anzeigen, verfügen die Unternehmen in der Regel über viel größere Ressourcen in Form von Markenstärke, Vertriebskraft, Kapital und Know-How. Und der Schmerz des Nadelstichs, den ihnen die Angst vor der neuen Konkurrenz beschert hat sorgt dafür, dass auch die Innovationskraft wieder Fahrt aufnimmt. Mit voranschreitender Lebensdauer stellen viele Startups fest, dass sie ohne einen realen Wirtschaftsbezug als reine Netzwerkbetreiber nicht erfolgreich sein können. Es reicht halt nicht, nur Vermittlungsprovision einstreichen zu wollen und sich dann zu wundern, warum die unterbezahlten Putzfrauen nicht erscheinen oder der regennasse Lieferheld (und für mich ist er das wirklich!) die Pizza frustriert über die Schwelle schmeißt. Die Realität entzaubert viele der „kapitalschonenden“ Geschäftsmodelle sehr schnell.

Aber eines muss man den Herren Kalanick, Musk, Samwer und Co lassen. Verkaufen können Sie, vor allem sich selber!

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