Ist Wirtschaftswachstum nur Bilanzbetrug?

Meine schulischen Physikstunden sind lange her. Ich fand es eigentlich immer ganz spannend, Kräfte auf schiefen Ebenen zu berechnen oder Widerstände in eine elektronische Schaltung zu fummeln. Ein Lehrsatz ist mir bis heute im Kopf geblieben und hat mich schon mehrfach beschäftigt: Der Energieerhaltungssatz.

Wer sich zum Thema Energieerhaltungssatz noch etwas aufschlauen möchte, siehe hier. Im Kern besagt die Regel, dass die Summe der Energie innerhalb eines geschlossenen Systems immer konstant bleibt – also Energie weder erzeugt noch zerstört werden kann. Allerdings kann sie bestimmte Formen annehmen. Man denke dabei zum Beispiel einmal an fossile Rohstoffe, Licht oder Schallwellen – letztlich alles Formen von Energie.

Abstecher zum BIP

Belassen wir es einstweilen dabei und springen zur Definition von Wirtschaftswachstum, auch GDP oder BIP genannt. Da heißt es z.B. bei Wikipedia völlig richtig „…Gesamtwert aller Güter, d. h. Waren und Dienstleistungen, an, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden, nach Abzug aller Vorleistungen…“ (siehe Wikipedia). Ich denke es besteht Einigkeit darin, dass Produkt und Dienstleistungen letztlich nur eine Mischung aus verschiedenen Energieformen sind, die quasi in das Produkt hinein umgewandelt wurden. Man nehme einmal ein Auto. Aus vielen, ihrerseits eine Energieform darstellenden, Rohstoffen wie Öl für Plastik, Metall, Mineralkörner (Sand für Scheiben) usw. wird wiederum mit Hilfe von Energie (Mensch und Maschine) eine Auto gebaut. Physikalische betrachtet werden also viele verschiedene Energieformen in jeweils andere umgewandelt, inklusive der Energie in Schallwellen, die bei den Flüchen entstehen, wenn sich der Meister bei Radeinbau die Hand verstaucht hat.

Wo liegt nun der Fehler?

Unserem Autobeispiel folgend, sind Produkte oder Dienstleistungen innerhalb des GDP - Portfolios nicht erzeugt, sondern, wie es der Lehrsatz beschreibt, nur umgewandelte Energieformen. Warum weißen dann viele Volkswirtschaften überhaupt ein Wachstum aus? Nun, in einzelnen Wirtschaftsgebieten könnte es theoretisch tatsächlich zu Wachstum kommen - natürlich zu Lasten einer anderen Volkswirtschaft. Man klaut sich quasi deren Energie und wandelt sie in ein Produkt der eigenen Volkswirtschaft um. Auf Ebene des Weltwirtschaftswachstums neutralisieren sich diese Effekte eigentlich. Trotzdem wird ein Wachstumswert ausgewiesen (siehe z.B. OECD-Statistik).Dieses Scheinwachstum ergibt sich aus der Falschbilanzierung von Energieströmen. Zwar werden Produkte, wie schöne Smartphones, Autos, Häuser usw., als Wertschöpfung im Sinne der GDP Definition ausgewiesen und tragen somit zum Wirtschaftswachstum bei. Allerdings wird die „Entnahme“ der Energie aus den Rohstoffen wiederum nicht korrekt bilanziert. Zwar müssen definitionsgemäß die sogenannten Vorleistungen abgezogen werden, doch bemisst sich der Wert dieser nach ökonomischen Maßstäben und eben nicht nach deren Energiegehalt.

Machen wir es etwas konkreter

Ein simples Beispiel: Ein Papierproduzent kauft Holz ein, um Papier herzustellen. Der Marktpreis für die zu verwendende Sorte Holz schwankt, je nach Nachfrage. Nehmen wir also an, der Produzent kauft das Holz für 1 EUR ein und verkauft sein Papier für 2 EUR. Schon haben wir 1 EUR Wirtschaftswachstum erzeugt. Kann der Produzent das gleiche Holz aufgrund schwächerer Nachfrage für 0,5 EUR einkaufen, hat er ein GDP von 1,5 EUR hervorgebracht. Der Energiegehalt des eingekauften Holzes war aber stets gleich. Energetisch gesehen hat der Produzent nur eine Energieform in eine andere umgewandelt. Würde also die gute Mutter Erde ihre Bilanz aufstellen, wäre der GuV-Gewinn bei 0, es hat lediglich ein Asset-Tausch stattgefunden.

Ich möchte nochmals auf den Energieerhaltungssatz zurückkommen. Betrachten wir die Erde als geschlossenes System, ist letztlich alles was sich auf und ihr befindet eine Energieform und lässt sich damit auch unter diesem Maßstab bewerten (Ich frage mich gerade, mit wieviel Wattstunden mein Astralkörper in der Erd-Bilanz zu buche schlägt). Wirtschaften ist in diesem Zusammenhang nichts weiter als ein wilder Tanz, der uns viel Schweiß abverlangt und uns das Gefühl gibt, wir hätten etwas getan - aus Sicht der Energieerhaltung war und ist das aber alles nur ein Nullsummenspiel.

Beziehen wir doch einmal ökologische Aspekte mit ein

betrug wirtschaftswachstum gdp bipEinen weiteren Aspekt möchte ich hier auch noch kurz erwähnen. Letztlich ist das Resultat aber identisch. Bleiben wir bei dem Beispiel der Papierherstellung und gehen in der Historie noch etwas zurück. Wer hat in der Zeit, als das zum Bleichen benötigte Chlorwasser direkt in die Flüsse geleitet wurde, die Umweltverschmutzung – bilanztechnisch also den Werteverzehr der Aktiva eines Landes – korrekt bilanziert? Und diese Blindheit gibt es bis heute. Kurios ist dabei aber, dass sich die Falschbilanzierung nicht ewig fortführen lässt. Haben die Umweltschäden beispielsweise ein bestimmtes Maß überschritten, werden Menschen krank und die Krankensysteme werden finanziell be- oder vielleicht sogar überlastet. Und schwups ist die bilanztechnisch gesehene „stille Last“ in der GDP-GuV angekommen.

Fazit

Wir suchen uns im Rahmen der vorherrschenden Wirtschaftswachstumsdefinitionen die Rosinen heraus, indem wir nur unsere schönen „neu geschaffenen“ Produkte als Bilanzaktiva betrachten, während wir die Mittel- bzw. Energieherkunftsseite (Passiva) nur partiell oder wie oftmals im Falle der Zerstörung (ich korrigiere mich: Umwandlung) von Gemeinschaftseigentum (manche nennen es auch Umwelt) gar nicht bewerten. Wir vergleichen letztlich Äpfel mit Birnen und erzeugen aus energetischer nur Scheingewinne bzw. erzeugen damit in unserer Wachstumsrechnung eine bilanzielle „stille Last“. Im Rahmen einer klassischen Jahresabschlusserstellung würde man dies ohne Zweifel als Falschbilanzierung titulieren!

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Kommentare 2

Gäste - DerMitleser am Dienstag, 01. November 2016 10:23

Energetisch mag diese Sichtweise korrekt sein, aber wie steht es um den anschließenden Nutzen, "umgewandelter" Energie; wenn Frau sich beispielsweise die Haare richten möchte, benötigt sie hierfür einen Spiegel. Da kann sie noch so lange auf den (Sand-)Strand starren - das wird ihr bei ihrem Vorhaben, sich eben die Haare zu richten, nicht weiterhelfen... Insofern hat die "Umwandlung" durchaus einen Mehrwert, oder sehe ich das falsch?

Energetisch mag diese Sichtweise korrekt sein, aber wie steht es um den anschließenden Nutzen, "umgewandelter" Energie; wenn Frau sich beispielsweise die Haare richten möchte, benötigt sie hierfür einen Spiegel. Da kann sie noch so lange auf den (Sand-)Strand starren - das wird ihr bei ihrem Vorhaben, sich eben die Haare zu richten, nicht weiterhelfen... Insofern hat die "Umwandlung" durchaus einen Mehrwert, oder sehe ich das falsch?
Atexo am Mittwoch, 02. November 2016 09:23

Hallo, danke für die Anmerkung. Es ist ein interessanter Gedanke, den Begriff Nutzen in die Überlegungen einzubeziehen.
Bleiben wir kurz beim Spiegel. Dieser ist ein gutes Beispiel für die angesprochene Theorie: Der Wert des produzierten Glanzstücks wird sich im GDP wiederfinden. Der bilanzielle Anlagenabgang des für die Produktion notwendigen Quarzsands wird nirgendwo verbucht.
Bezogen auf den Nutzen wird es schwieriger, da es unterschiedlichste Interpretationen gibt. Es ist m.E. aber sicherlich nicht falsch, ihn als „Grad der Bedürfnisbefriedigung eines Wirtschaftssubjektes“ zu definieren. Die Bedürfnisbefriedigung ist für jeden Menschen bzw. Wirtschaftseinheit unterschiedlich. Ihre beschrieben Frau sieht in dem Spiegel vielleicht einen hohen Nutzwert. Wenn ich morgens um 6:00 Uhr in den Spiegel schaue, ist der Nutzwert für mich ziemlich gering – ganz im Gegenteil, hätte ich nicht hingeschaut, wäre mein Leben noch 5 Minuten besser verlaufen. Somit ist es bereits hier fraglich, inwieweit der individuelle Nutzen und GDP (als Maßstab des reinen Geldwerts) harmonieren. Ich glaube, dass im Sinne der Energieerhaltung der Nutzen als solcher nicht existiert. Denn möchte man den Nutzwert tatsächlich heben, wie z.B. Haarkämmen vor dem Spiegel, findet wiederum eine Energieumwandlung statt – also keine Nutzung des Nutzens ohne zusätzliche Aktion.
Die obige Theorie sagt auch nicht, dass man keine Spiegel verwenden soll - ganz im Gegenteil: da alles nur eine Energieumwandlung ist, ist es energetisch betrachtet egal, ob man 5 Spiegel verwendet. Wir dürfen halt nur nicht auf die Idee kommen, irgend jemand glauben machen zu wollen, dass wir diese 5 Spiegel „erschaffen“ haben, so wie es das BIP anzeigt.

Hallo, danke für die Anmerkung. Es ist ein interessanter Gedanke, den Begriff [i]Nutzen[/i] in die Überlegungen einzubeziehen. Bleiben wir kurz beim Spiegel. Dieser ist ein gutes Beispiel für die angesprochene Theorie: Der Wert des produzierten Glanzstücks wird sich im GDP wiederfinden. Der bilanzielle Anlagenabgang des für die Produktion notwendigen Quarzsands wird nirgendwo verbucht. Bezogen auf den Nutzen wird es schwieriger, da es unterschiedlichste Interpretationen gibt. Es ist m.E. aber sicherlich nicht falsch, ihn als „Grad der Bedürfnisbefriedigung eines Wirtschaftssubjektes“ zu definieren. Die Bedürfnisbefriedigung ist für jeden Menschen bzw. Wirtschaftseinheit unterschiedlich. Ihre beschrieben Frau sieht in dem Spiegel vielleicht einen hohen Nutzwert. Wenn ich morgens um 6:00 Uhr in den Spiegel schaue, ist der Nutzwert für mich ziemlich gering – ganz im Gegenteil, hätte ich nicht hingeschaut, wäre mein Leben noch 5 Minuten besser verlaufen. Somit ist es bereits hier fraglich, inwieweit der individuelle Nutzen und GDP (als Maßstab des reinen Geldwerts) harmonieren. Ich glaube, dass im Sinne der Energieerhaltung der Nutzen als solcher nicht existiert. Denn möchte man den Nutzwert tatsächlich heben, wie z.B. Haarkämmen vor dem Spiegel, findet wiederum eine Energieumwandlung statt – also keine Nutzung des Nutzens ohne zusätzliche Aktion. Die obige Theorie sagt auch nicht, dass man keine Spiegel verwenden soll - ganz im Gegenteil: da alles nur eine Energieumwandlung ist, ist es energetisch betrachtet egal, ob man 5 Spiegel verwendet. Wir dürfen halt nur nicht auf die Idee kommen, irgend jemand glauben machen zu wollen, dass wir diese 5 Spiegel „erschaffen“ haben, so wie es das BIP anzeigt.
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